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Offener Brief an Peter Thomas (Wardenburg)

Juni 12, 2012

(Eigentümer des Haus Friedensbruch am Theaterwall 24a, Oldenburg)
Nach mehr als einem Jahr Nutzung des Haus Friedensbruch haben Sie letzte Woche einen ersten Kommunikationsversuch mit uns gestartet. Für diesen etwas missglückten Versuch der Kontaktaufnahme mittels kommentarloser  Unterbrechung der Stromversorgung bedanken wir uns nun zunächst ganz herzlich.

Ihrem Antrag auf Versorgungsunterbrechung folgend, wurde am frühen Morgen des 31. Mai ein Loch im Garten gegraben und der Stromanschluss still gelegt. Dass die EWE ihren Verpflichtungen aus dem nach wie vor mit uns bestehenden Versorgungsvertrag nicht weiter nachkommen würde, wurde uns nicht vorher mitgeteilt. Erst auf telefonische Nachfrage haben wir erfahren, warum plötzlich der Strom „ausgefallen“ war. Wem das nützen soll, wenn wir jetzt wieder Kerzen und Generator auspacken müssen, bleibt ein Rätsel. Da wir Strom und Anschluss ohnehin selbst bezahlen, bleibt Ihnen nicht mal ein finanzieller Vorteil. Inwieweit Sie meinen damit der komplizierte Prozedur der zivilrechtlichen Durchsetzung der Räumung des Hauses umgehen zu können, können wir auch nur spekulieren.

Im Laufe des letzten Jahres haben im Haus diverse Veranstaltungen wie z.B. Fotoausstellungen, Lesungen, Workshops und zahlreiche Konzerte stattgefunden. Es war Spielort der Kurzfilmtage und ist für viele durch Kneipe, Café und Parties ein regelmäßiger sozialer Anlaufpunkt geworden[1]. Im Obergeschoss ist eine kleine WG eingezogen, es wurde ein Trägerverein gegründet. Jede dieser Veranstaltungen wurde und wird grundsätzlich auf Spendenbasis angeboten, um jeder und jedem die Teilnahme zu ermöglichen.

Inwieweit es Ihr Ziel ist, solche Veranstaltungen zu behindern und den Bewohner_innen das Leben schwer zu machen sei dahin gestellt. Fakt bleibt, dass Sie eine weitere Nutzung damit nicht verhindern werden. Schließlich gab es auch inden ersten Monaten seit der Besetzung noch keinen Strom im Haus, was niemanden davon abgehalten hat, es als kulturelles Wohnprojekt zu nutzen.
Seit nunmehr mindestens sieben Jahren waren Sie offensichtlich völlig desinteressiert, was die weitere Nutzung des Hauses angeht. Sechs Jahre lang haben Sie es vergammeln lassen, die Anzeige nach der zweiten Besetzung haben Sie sofort wieder zurückgezogen und damit unseren Aufenthalt seit dem geduldet. Kurz nach unserem Einzug haben Sie der NWZ gegenüber geäußert, dass Sie weder sanieren, noch vermieten oder verkaufen wollten. Den Wunsch nach Kommunikation mit uns hatten Sie offensichtlich nie.

Sicher haben Sie in der Presse verfolgt, wie groß das öffentliche Interesse an diesem Projekt war und ist. Daher wird sich nicht nur uns die Frage stellen, mit welcher Begründung sie nun so plötzlich und zum ersten Mal von sich hören lassen. Wir fordern Sie auf, uns und auch dem Rest der Stadt öffentlich mitzuteilen, welche Pläne Sie verfolgen. Sie haben, in einer Stadt in der akuter Wohnungsmangel herrscht und gleichzeitig immer mehr unabhängige Räume, die zur kulturellen Nutzung offenstehen, abgerissen werden[2], ein Haus jahrelang und bis unter die Grenze der Bewohnbarkeit verfallen lassen. Damit haben Sie sich unserer Ansicht nach nicht gerade als verantwortungsbewusster Immobilieneigentümer qualifiziert. Und wie Sie wissen, sind wir mit dieser Ansicht nicht alleine. Das Scheitern Ihrer Verkaufsversuche sowohl im leer stehenden, als auch im besetzten Zustand, lässt sich im Internet nachvollziehen. Daran, dass sie dieses „Baudenkmal“, wie Sie Ihre Problemimmobilie nennen, urplötzlich gewinnbringend verkaufen, nur weil Sie uns räumen lassen, glaubt wohl niemand. Auch nicht, wenn zur Zeit die Immobilienfirma Schwerdt das Haus für Sie im Rahmen eines „Immobilienpaketes“ von sieben Häusern potenziellen Käufer_innen unterzumogeln versucht. Die bloße Äußerung Ihrer Verkaufsabsicht reicht uns somit nicht als Rechtfertigung, wenn Sie ein Kulturprojekt zerstören und mehrere Menschen obdachlos machen wollen.

So oder so, wir halten es für ungleich wichtiger, dieses Projekt am Leben zu halten, als dass Sie ungestört ein Haus verfallen lassen können. Sie haben ja genug davon. Wir nicht. Außerdem haben wir viel zu viel Arbeit und Liebe in dieses Hausprojekt gesteckt, um es kampflos aufzugeben. Wir bleiben!
Die Nutzer_innen des Haus Friedensbruch

[1] Alle bisherigen Veranstaltungen unter hausfriedensbruch.wordpress.com.
[2] An dieser Stelle sei hingewiesen auf die Containergalerie (Conga) und die Ateliers auf dem Bahngelände
– abgerissen vor einem Jahr, entstanden eine seitdem ungenutzte und nutzlose Brachfläche, sowie den in
wenigen Wochen bevorstehenden Abriss des – zumindest punktuell frei nutzbaren – QuArtiers im
Bahnhofsviertel.

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